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Dez 10

Kolumne: Versandhandel – Amazon.de: Ein Nachtrag

Liebe Leser,

zuletzt beschäftigten wir uns am 08. August 2010 mit Amazon.de. Seitdem hat sich einiges getan. Eine Sendung von Günther Jauch vom Sonntag, dem 08.12.2013 nehmen wir nun zum Anlass, auf die Jahre zurückzublicken und festzustellen, was sich verändert hat.

Das Thema der Sendung vom Sonntag

Weihnachten mit Amazon und Co. – wer leidet unter unserem Bestell-Wahn?

Als Freund des Online-Versandhandels will ich zunächst dazu Stellung nehmen: Sicherlich hat sich in den letzten Jahren einiges verändert: Der Versandhandel boomt, es wird sehr viel Geld von „Amazon und Co“ umgesetzt und viele Arbeitsplätze, wenn auch nur saisonbedingt geschaffen. Ich will mich hier jetzt nicht in die Diskussion um Leiharbeit oder Tarifverträgen (Lageristen vs. Handel) verstricken, das können andere besser, aber ich will sagen, dass die Arbeitsbedingungen, unter denen Saisonkräfte arbeiten, besser sein könnten. Als Arbeiter alle 30 Sekunden überwacht zu werden ist kein gutes Gefühl, aber genau das passiert mit den Pickern in Versandlagern. Dies passiert aber nur, weil das System aufgrund von Effizienz genau wissen muss, wo sie sich gerade befinden, um die Wege kurz zu halten und die Bestellungen so schnell wie möglich abzuwickeln. Diese Daten aber dann zu verwenden, um festzustellen, wie effizient welcher Mitarbeiter arbeitet ist wiederum nicht in Ordnung (Mitarbeiter-Ranking). Hier sollte es doch im datensicheren Deutschland eine Regelung geben, oder?
Die Leidtragenden sind einerseits die Picker – oder doch nicht – denn sie leiden unter dauerhaftem Stress und Erfolgsdruck, das macht einen kaputt. Andererseits gibt es sicherlich auch Leute dort, die sich wohl fühlen, wie ein Betriebsratvorsitzender bei Günter Jauch sagte. Generell würde das System ähnlich effizient arbeiten, wenn man die Arbeitsbedingungen etwas besser macht und dafür den Mitarbeitern etwas mehr „Freiraum“ geben würde. Das alles sind jedoch Lageristenprobleme, die nicht nur bei Amazon.de vorherrschen.

Auf der anderen Seite sind es die Zusteller, die, wie Wallraff zeigte, teils hoffnungslos überlastet sind. Auch hier muss man genau unterscheiden: So gute Arbeitsbedingungen wie bei UPS herrschen bei DHL wohl nicht, aber es gibt durchaus Zusteller, die mit ihrem Job zufrieden sind und ein ordentliches Gehalt bekommen. Ganz anders die Subunternehmer, die ihre Mitarbeiter bis ins Letzte ausbeuten und unter Zeitdruck und Erfolgsdruck setzen. Nicht zuletzt führt das zu Ärger der Kunden, deren Pakete gar nicht ausgeliefert werden, und die stattdessen nur einen Zettel zur Abholung im Briefkasten finden. Vielleicht sollten sich mal die Versandhändler selbst bei DHL dafür einsetzen, dass Pakete richtig ankommen und dafür ein wenig mehr bezahlen.

Anderen Versandhändlern geht es tendenziell noch schlechter, d.h. es geht den Zustellern eher schlechter: Zeitdruck und Bußgeldkataloge für nicht richtig zugestellte Pakete sind keine Seltenheit. Der Grund hierfür: Hier sind es fast ausschließlich Subunternehmer, die für sich arbeiten lassen. Hermes, GLS, DPD und Co haben ihre Paketzustellung fast ganz ausgelagert. Hermes hat zwar, wie in der Sendung vom Sonntag klar wurde, eine Entwicklung durchgemacht, doch diese ist noch nicht abgeschlossen. Es gibt immer noch schwarze Schaafe unter den Subunternehmern. Dabei haben es andere Versandhändler eh schwer gegen DHL anzukommen, denn bei DHL gibt es einerseits die Quersubventionierung Brief, ein zweites sehr lukratives Geschäftsfeld, das einspringt, wenn es DHL schlecht geht, bzw. dessen Vertriebskanäle gemeinsam genutzt werden können. Zusätzlich verzerrt dann noch die Mehrwertsteuerbefreiung der Post den Wettbewerb. Leidtragende sind also auch einige Zusteller.

Zusätzlich zu dem ganzen Boom verkommt ein wenig unsere Gesellschaft. Wir gehen nicht mehr in die Stadt zum Einkaufen, bestellen alles online, weil es schnell und unkompliziert ist – obwohl, so schnell ist es eigentlich nicht. Machen wir wirklich den Einzelhandel kaputt? Man muss das ganze doch sehr differenziert sehen: Auf der einen Seite hat der Einzelhandel wirklich zu kämpfen, weil die Kunden wegbleiben. Aber es gibt eine kleine Bewegung, die den Online-Versandhandel boykottiert und diese wird immer größer. Der Einzelhandel wird also wieder belebt werden, oder nicht? Aber was treibt uns in den Online-Versandhandel? Der Preis, das Angebot oder gesetzliche Rahmenbedingungen für Umtausch und Rückgabe?

Einerseits ist es natürlich der Preis, der hier entscheidend ist. Wenn MediaSaturn für ein einfaches USB-Kabel 10€ verlangt bekommt man doch einen ganz schönen Hass, wenn man weiß, dass diese Kabel für 1ct in China eingekauft werden. So ist das teilweise auch mit anderen Produkten. Gut, die Mitarbeiter und Stellfläche muss man mit bezahlen. Das mache ich auch gerne, wenn ich ein Produkt direkt mitnehmen will und ich etwas von den Mitarbeitern habe und die mich gut beraten. Das ist jedoch nicht immer so… Den Einzelhändlern bleibt in dieser Zeit nichts anderes übrig, als auf einen zweiten Vertriebskanal „online“ zusätzlich zu setzen und diesen durch die Ladengeschäfte zu verstärken. Bei Media-Saturn geschieht das z. B. teilweise schon. Hier kann man bequem in die Filiale liefern lassen, dort abholen, zahlen und zurückgeben. Hier gibt es meiner Meinung nach noch mehr Synergieeffekte, die Märkte müssen nur mal in Online-Bestellsysteme investieren!

Was hat sich bei Amazon verändert?

Amazon wurde in den letzten Jahren größer und größer. Insgesamt gibt es jetzt schon 8 Versandzentren in Deutschland. Amazon.de macht sich auf dem deutschen Markt breit, zahlreiche andere Anbieter haben es sehr schwer. ebay lässt sich immer wieder neues einfallen, um dem großen Konkurrenzdruck etwas entgegen zu setzen. Durch die Veröffentlichung des Kindle ist Amazon ein besonderer Coup gelungen: Der Aufbau eines eigenen Öko-Systems á la Apple, aus dem man nicht mehr herauskommt, wenn man mal ein solches Produkt gekauft hat. Aber warum auch, Amazon bietet doch alles: Musik, Bücher, Filme usw. Die beschränkten Kindle Fire-Tablets erfreuen sich hier in Deutschland nicht so großer Beliebtheit, weil andere Tablets mit nacktem Android dann doch eher bevorzugt werden. Dafür boomt der Kindle-Absatz in Deutschland. Die Systeme sind einfach, billig, elegant zu bedienen, zuverlässig und technisch auf dem neusten Stand sowie innovativ. Nicht zuletzt sicherte sich Amazon das Patent für die Hintergrundbeleuchtung seines Kindle Paperwhites, viele sind begeistert. Nur Amazon bietet einen eBook-Reader mit lebenslanger Internetflatrate über 3G an, mit dem sich auf der ganzen Welt ohne Vertrag Bücher kaufen und herunterladen lassen – eine echte Marktlücke, so etwas will man doch nicht mehr hergeben. Es ist eine innovative Lösung, die vor allem bei Leuten ohne Internet zu Hause gut ankommt.

Dem Trubel, den eine ARD-Reportage über Saisonarbeitskräfte auslöste, entgegnete Amazon.de wohl mit selektiven Verbesserungen, wenn man dem, was der Betriebsrat in der Sendung vom Sonntag sagte, Glauben schenken darf. So kommen die Leiharbeiter jetzt größtenteils aus Deutschland und wohnen Zuhause. Amazon.de muss lernen wie es auf dem deutschen Markt zugeht und das geht bei dem Unternehmen recht schnell vonstatten. Mich würde es nicht wundern, wenn es demnächst mit anderen innovative Verbesserungen auch für die Arbeitsbedingungen aufwartet.

Mit Prime ist Amazon wohl ein weitere genialer Coup gelungen: Für Studenten ist das Angebot des Versands innerhalb eines Tages schon das erste Jahr kostenlos, für Normalos nur einen Monat. Zu einem Preis von 15 bzw. 30€ kann man den Dienst, der den eigenen Paketen Priorität im Versandlager verschafft und den Versand kostenlos macht, abonnieren und es funktioniert alles problemlos. Andere Händler haben das schon nach gemacht. Ein super Coup, wenn man bedenkt, dass die Deutschen ungerne Versandkosten bezahlen, um den Besteller dauerhaft an sich zu binden.

Amazon ist gefährlich

sagte Ranga Yogeshwar in der ARD. Ich muss ihm leider auch ein wenig Recht geben. Amazon macht sich hier ein wenig zu breit (und mächtig) und ist (Gott sei Dank) auch nicht immer der Billigste.

Deshalb, liebe Besteller: Augen auf! Preisvergleiche machen und zu Weihnachten dem Paketzusteller eine Packung Plätzchen in die Hand drücken :).

Ich wünsche ein frohes Bestellen!

Euer pedaa

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  1. Kolumne: Querbeet KW50 » pe-home.de

    […] mal in die Köpfe der Deutschen brachte, konnte auch ich es mir nicht nehmen lassen, darüber einen Kommentar zu veröffentlichen. Mein Paketbote ist jedenfalls nicht bei einem Subunternehmer beschäftigt und […]

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